Leonora Carrington: The Hearing Trumpet
Über dieses Buch bin ich in dem ebenfalls empfehlenswerten ‘Kunst des Erzählens’ (von David Lodge) gestolpert. Dort illustriert es den Abschnitt über Surrealismus im Erzählen (neben Alice im Wunderland). Dann lieh ich es mir in unsrer schönen Uni-Bibliothek aus, die lobenswerterweise die meisten englischsprachigen Romane frei zugänglich aufstellt. Darin erzählt die 92-jährige Marian Leatherby, die in Mexico City lebt und von ihrer Familie in ein Altenheim abgeschoben wird, von den merkwürdigen Gepflogenheiten in dieser äusserst obskuren Institution. Das titelgebende Hörrohr wird ihr von ihrer Freundin Carmella geschenkt, da sie schwerhörig ist und erweist sich als sowohl nützliches als auch komisches Utensil. Inzwischen hab ich mir dieses Kleinod von einem Buch aber gekauft, da es zu meinen Lieblingsbüchern gehört. Es quillt über vor komischen Einfällen. Beispiel: Nachdem die beiden alten Damen der Familie mit Hilfe des Hörrohrs ihre finsteren Abschiebepläne entlockt haben, spinnen sie Pläne, wie Carmella ihre Freundin von dort wieder befreien könnte, nämlich mit Hilfe eines Maschinengewehres: “In case they lock you up in a tenth storey room,” said Carmella lighting a cigar, “you could take a lot of those ropes you weave, and escape. I could be waiting down below with a machine gun and an automobile, a hired automobile you know, I don’t suppose it would be too expensive for an hour or two.”
Näheres zu Leonora Carrington hier:
http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Frauen-Maenner-Leonora-Carrington;art7754,2430602
Ich fand es auch als Volltext:
Frank A. Schneider: Als die Welt noch unterging: von Punk zu NDW
Nachdem nun die Neue Deutsche Welle von jenseits des Grabes nochmal mit einem Film (Verschwende deine Jugend) und einer gleichnamigen Buchvorlage geehrt wurde, fehlte eigentlich nur noch die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses bedeutenden Teils deutscher Kulturgeschichte. Doch Frank Apunkt Schneiders Werk trifft hier keine Schuld: er schafft es, die fragwürdigen Versuche einer geschichtlichen Eingliederung und sammlermässigen Besserwissertums kritisch in eine überdendingenstehende Chronologie eines Scheiterns von Punk einzukleistern. Hervorzuheben sind besonders die enorm kenntnisreiche Integration auch noch des letzthinterwäldlerischen Kassettenkleinschaffens und das Heranziehen von Archiven und Menschen, die damals in den Provinzen gar nicht so unwesentlich für Punk standen (Armin Hoffmann von ExtremMist oder Matthias Lang von Irre Tapes.) Es ist im Ventil-Verlag erschienen, der ja auch mal als DLR-Vertrieb für Fanzines seine Anfänge hatte. Gut ist auch, dass hier nicht romantisiert und mystifiziert wird, sondern auch die Teile, die sonst leichtfertig als Kult aufgewertet werden noch kritisch betrachtet werden. Die Darstellung von Punk hin zu NDW könnte man zwar wohl auch anders sehn, denn von Punk gings ja schliesslich auch zu einem sich fortschrittlich verstehenden HC-Punk (The Ex und Razzia oder Hüsker Dü und EA80), aber die Darstellung ist vielschichtig genug um zu überzeugen. Auch ist die Entwicklung in der DDR nur so nebenbei mitbetrachtet, aber angesichts des Umfangs an Material lässt es sich doch verschmerzen. Alles in allem ist hier endlich mal eine gelungene Biografie des Punk und seiner Folgen in Deutschland, Österreich, Schweiz, DDR entstanden und auch eine Soziologie seiner Trägerschichten. Empfohlen!
Dževad Karahasan: Der nächtliche Rat
Nachdem mir letzthin schon ältere Erzählungen Karahasans in die Hände gefallen waren, las ich diesen Roman mit einer gewissen Erwartung ziemlich geschwind und auch zufrieden durch. Karahasans Stil ist einerseits eigenständig und erinnert andererseits stets an die grossen Namen, an Ivo Andrić oder Meša Selimović (Der Derwisch und der Tod), aber auch an die absurden Traumgebilde Franz Kafkas. Insbesondere der im Mittelpunkt der Erzählung stehende Simon ist ein passiver Held par excellence. Er wird hin und hergeschubst, aufs Polizeirevier gezerrt, sogar von den Bösen zum Schnapstrinken herbeizitiert und die Handlung verwirrt sich schliesslich zu einem Knäuel von Erinnerungen und Halluzinationen in seinem Kopf. Wie bei Kafka oder dem vielleicht auch ähnlichen Orhan Pamuk führt diese passive Gestik auch zu Situationen von einer etwas tragischen Komik. Gleichzeitig natürlich zu einer ausufernden Tragik, denn hier wird ja das Heraufziehen der Gewalt im bosnischen Krieg 1992 und sämtlicher vorheriger Kriege beschrieben. Der Roman spielt in der südostbosnischen Grenzstadt Foća, Simon kehrt quasi als “Gastarbeiter” (nämlich als Arzt), nach 25 Jahren in Berlin zurück in die Stadt seiner Geburt. Er zieht in das alte Haus seiner verstorbenen Eltern und wird immer mehr in einen Strudel von Verdächtigungen gezogen, in der Stadt geschieht ein Mord nach dem Anderen, die Opfer sind muslimische Einwohner. Simon wird von der Polizei verdächtigt, wird zugleich von unheimlichen Geschehnissen in seinem Haus verfolgt, die ihn scheinbar in den Wahnsinn treiben.
Hinterlasse einen Kommentar
Es gibt noch keine Kommentare.
Kommentarfeed TrackBack-Indentifikations-URI
